Do, 13. März, 08.30 Uhr


D 2008, 73 Minuten,

Buch, Regie: Denis Thürer
Kamera: Georg Lurz, Ronny Götter
Ton: Maik Uhlig
Schnitt: Ben Saitenmacher
Produktion: Safitar

 


Halle an der Saale vor 25 Jahren: Tino baut sein erstes eigenes Skateboard nach Anleitung einer DDR-Heimwerkerzeitschrift. Kurze Zeit später, nach der Wende, trifft er auf Blochi und andere Freunde, die mit Plastikboards aus dem Westen durch die Neubaugebiete ziehen. Skateboardfahren wird auch in der ehemaligen DDR Teil der Jugendkultur und ein Lebensgefühl, das Biographien formt. Die Videoaufnahmen von damals zeigen einen jugendlichen Blick auf den gesellschaftlichen Wandel in der DDR und auf eine Szene, in der „das Brett“ das Leben bestimmt. Denis Thürer kontrastiert Rückblicke mit den heutigen Perspektiven seiner Freunde: Tino jobbt in einem Skateboardladen, Günni ist Profiskater und Blochi fährt mit seinem Skateboard durch Hollywood, denn er arbeitet als 3D-Artist in den USA. Scheinbar beiläufig, aber mit großer Präzision erzählt der Film davon, wie sich eine Szene verändert hat, wie einfache T-Shirts von Markenklamotten abgelöst und aus Straßenbahnschwellen Skateparks wurden. Und er zeigt, wie unterschiedlich man seine Träume leben kann.


Preise:
Nonfiktionale-Preis der Stadt Bad Aibling 2009

„Und man siehet die im Lichte./ Die im Dunkeln sieht man nicht.“ Das Schicksal von Mahjub bin Adam Mohamed lässt sich mit dieser Textzeile aus der „Dreigroschenoper“ wohl recht treffend zusammenfassen. 1904 in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika geboren, kämpft er im Ersten Weltkrieg als sogenannter Askari an der Seite der Deutschen. 1929 kommt er nach Deutschland, um seinen ausstehenden Sold und die Anerkennung als Kriegsveteran einzufordern – beides bleibt dem Afrikaner verwehrt. Stattdessen findet er seine Rolle in der neokolonialen Traumfabrik der 30er Jahre. Im Schatten von UFA-Stars wie Hans Albers und Zarah Leander verdingt sich Majub alias Mohamed Husen als Statist in Propagandafilmen der Nationalsozialisten. Die Filmemacherin Eva Knopf spürt diesem ebenso bewegten wie bewegenden Leben nach. Aus den Hintergründen, Fehlstellen und Widersprüchen des Archivmaterials rekonstruiert sie die Geschichte eines Mannes, der bereitwillig die Kolonialfantasien seiner Zeitgenossen bediente, sich sonst aber nicht mit der Statistenrolle zufriedengeben wollte.


Geschichten vom Essen

(Junge doks)

Fr, 14. März, 11.00 Uhr


D 2008, 60 Minuten,

Buch, Regie, Kamera: Hans-Dieter Grabe
Kamera: Fritz Adam, Horst Bendel, Hermann Görsdorf, Klaus Kuschke, Wilhelm Rissleben
Ton: Edgar Dauth, Hinrich Schröder, Dieter Voss
Schnitt: Carla Sperber
Produktion: Dietmar Schuler
Redaktion: Inge Classen, Maik Platzen (ZDF/3sat)


Essen, das menschliche Grundbedürfnis schlechthin, bildet die Klammer dieses Films über die Unmenschlichkeit des Krieges. Fünf Geschichten, fünf Begegnungen, die allein durch die hohe Kunst des Zuhörens zu einem Erlebnis werden. Sie konfrontieren uns mit sehr persönlichen Schicksalen, mit Geschehnissen und Bildern, die tief berühren. Ob für Trümmerfrauen, die Überlebenden eines Kinder-Arbeitslagers, ein Atombombenopfer, einen ehemaligen KZ-Häftling oder den Filmemacher selbst – Essenserfahrungen sind und bleiben ein zentraler Teil des persönlichen Erinnerns und Nicht-Vergessen-Könnens. Die enorme Bedeutung des Essens betrifft nicht die Nahrung allein, sondern den Kern des Menschseins. Hans-Dieter Grabe entlehnt die fünf Episoden seinem eigenen filmischen Werk und betitelt sie mit „5 Kartoffeln“, „Rote Rüben“, „Hefeklöße“, „Brot“ und „Vom Sattessen“. Das Bild- und Tonmaterial stammt aus Dokumentarfilmen, die der Filmemacher zwischen 1968 und 1999 drehte. Nicht zuletzt durch die thematische Zusammenführung entfalten die fünf Gespräche eine Wirkung, die lange nachhallt.


Afrika: eine 30 Millionen Quadratkilometer große Projektionsfläche europäischer Fantasien, Ängste und Sehnsüchte – und Spielbrett weltpolitischer Interessen. Wie dicht diese Ebenen miteinander verwoben sind, zeigt Martin Baer, indem er 500 Ausschnitte aus Spiel-, Dokumentar-, Lehr-, Propaganda- und Werbefilmen, aus Fernsehberichten, Musikvideos und Computerspielen wie einen bunten Bilder- und Klangteppich vor uns ausbreitet. Im Fokus stehen die militärischen Interventionen des 20. Jahrhunderts, die „unser“ Afrikabild sehr viel nachhaltiger kolonisiert haben, als uns vielleicht selbst bewusst ist. Kommentarlos entblößt der Filmemacher den tief verwurzelten Exotismus und Kulturchauvinismus mit der wirkungsvollen Waffe des Humors. Gerne würde man diese polemisch-unterhaltsame Collage als ironisches Zeitdokument einer längst vergangenen Epoche betrachten. Nicht nur die krisenverliebte Afrikaberichterstattung führt uns jedoch vor Augen, wie dauerhaft die immer neu aufgelegten Stereotype bis heute wirken – auch wenn unsere Fremd- und Feindbilder gelegentlich einen neuen Anstrich bekommen.


Preise:
Ethnofilmfest, Berlin 1999, É tudo verdade, Rio de Janeiro 2000, ZIFF Sansibar 2000

"Du" – das ist der Filmemacher als zehnjähriger Junge, an der Schwelle zu einem neuen, gänzlich anderen Leben. Ausgehend von einem Panoramafoto der Abreise aus Mandima, einem Dorf in Zaire, führt eine Stimme aus dem Off eine Art Zwiegespräch im Präsens. Es folgen einige weitere Fotos sowie ein wackliges Video aus dem Inneren einer Propellermaschine. "Du", der Junge auf dem Bild, ist gerade dabei, mit seinen Eltern und Geschwistern gen Europa aufzubrechen und ist sich im Moment der Aufnahmen nicht bewusst, welch krasser Bruch in seiner Biographie unmittelbar bevorsteht. Wie soll jemand, der noch nicht mal Michael Jackson kennt, Fuß fassen in Westeuropa? Doch während der Junge dabei ist, sich die Codes an einer französischen Schule, den Satz des Pythagoras oder Nintendo anzueignen, bleiben seine Freunde Watumu, Angi, Amosi und all die anderen zurück. "Du" ist ein Gegenüber, vertraut, aber doch fremd geworden, weil aus einer anderen Welt.


Preise:
(Auswahl) Pardino d'oro (Concorso nazionale), Locarno 2010, Gold Plaque for Best Student Short (Documentary), Chicago International Film Festival 2011, Best Documentary, Aspen Shortsfest 2011, Best Image of the International Competition, Janela Internacional de Cinema do Recife 2011, Lobende Erwähnung der Jugendjury, Duisburger Filmwoche 2012

Monika war Ehefrau, Mutter, Freundin. Und sie war Alkoholikerin. Sie starb mit 63 Jahren in einem Hospiz. Was bleibt, sind Fotos, Tonaufnahmen und zahlreiche Erinnerungen. Entwaffnend ehrlich sprechen Angehörige und Freunde über Monika. Wie und warum ergriff die Sucht zunehmend Besitz von der lebensfrohen Frau? Was bedeutete der Alkoholismus für die Familie? Eindringlich erzählt dieses dichte dokumentarische Porträt von der Hilflosigkeit bei den Zurückgebliebenen, von der Unmöglichkeit, die Krankheit zu erklären - und von der schwierigen Liebe zu einer Frau, die ihren Verwandten und Freunden einiges gegeben, ihnen aber auch vieles abverlangt hat. Dabei zählt das gesprochene Wort genauso viel wie die wortlose Geste oder die Bilder aus einer anderen, glücklicheren Zeit.


Die iranische Filmemacherin Narges Kalhor lebt in Deutschland im Exil – so wie auch ihr Landsmann, Shahin Najafi. Als gegen den Rapper eine Fatwa ausgesprochen wird, weil er mit einem Song gegen einen schiitischen Propheten gelästert hat, muss dieser wegen Morddrohungen untertauchen. Narges begibt sich auf die Suche nach ihm. War ihre Angst vor der alltäglichen Unterdrückung und Gefahr durch das iranische Regime in die Ferne gerückt, ist sie plötzlich wieder gegenwärtig. Narges hat das Gefühl, dass Shahin Najafi ihr mit plötzlich wieder auftauchenden Fragen weiterhelfen kann. Wie weit reicht der Arm des Regimes in Teheran nach Deutschland? Wie entstehen Angst und Unterdrückung? Und wie beeinflussen sie das Leben der Exilierten? Angesichts der persönlichen Erinnerungen und Videoaufzeichnungen aus ihrer Jugend wird deutlich, wie tief Repressionen eines Staates in das Selbstverständnis eines Menschen eingreifen können.


„Die Stadt Wünsdorf ist ein idealer Ort für Geister.“ Da, wo vor ein paar Jahren ein Sport-, Gesundheits- und Wissenschaftspark gebaut werden sollte, stand während des Ersten Weltkriegs ein sogenanntes „Halbmondlager“, ein Sonderlager für feindliche Kolonialsoldaten. Einer von ihnen war der 1892 geborene Inder Mall Singh. Von den deutschen Truppen gefangengenommen, landete der Sikh im brandenburgischen Wünsdorf, wo er am 11. Dezember 1916 in seiner Muttersprache in einen Phonographen-Trichter sprach. Diejenigen, die damals den Aufnahmeknopf an ihren Grammophonen drückten – der Sprachwissenschaftler Wilhelm Doegen und seine „Königlich Preussische Phonographische Kommission“ –, haben die offizielle Geschichte geschrieben. Mall Singh lebt bald hundert Jahre nach diesen Aufnahmen als knisternde Geisterstimme auf einer Schellack-Platte fort. „Die Recherche einer Fußnote der Geschichte wird so zur Erzählung über die Schwierigkeit, historische Wirklichkeit zu rekonstruieren – so überlegt wie vielschichtig, so witzig wie klug.“ (aus der Jurybegründung für den Förderpreis der Stadt Duisburg)


Preise:
Förderpreis der Stadt Duisburg und Dokumentarfilmpreis des Goethe Instituts, Duisburger Filmwoche 2007, Bester Dokumentarfilm, MARFICI Mar del Plata 2007, Prix des Mediatheques, FID Marseille 2007

Während draußen sechzehn Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge pro Tag vorüberziehen, herrscht im Inneren der Weltraumstation ISS vor allem Funktionalität: Griffe, Monitore, wissenschaftliche Experimente hinter jeder Luke, Beleuchtung wie in einem Operationssaal, ständige Kommunikation mit der Bodenstation. Über 50 Astronauten und Kosmonauten auf der ganzen Welt wurden über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren für diesen Film befragt. Was macht einen Menschen aus? Was ist der Weltraum? Was ist ein Mensch im Weltraum? Wie wirkt das Weltall auf die menschliche Psyche? NASA-Bildmaterial und das persönliche Videotagebuch des französischen Astronauten Jean-François Clervoy setzen den Rahmen. Sie zeigen vor allem auch Alltag, so banal wie doch ganz anders. Auf klassische Interviews hingegen verzichtet der Film. Stattdessen zeugen Texttafeln von den ambivalenten Gefühlen und Erfahrungen der Weltraumfahrer. Denn der Dienst an der Menschheit ist mit vielen Risiken und Einbußen verbunden.


Preise:
Silver Remi Award, Worldfest Houston 2013, Focus Award, Planete + Doc, Warschau 2013

Detektivisch verfolgt der Filmemacher Klaus Stanjek die Spur seines Lieblingsonkels Willi, Jahrgang 1897. Über dessen Vergangenheit wurde in der Familie hartnäckig geschwiegen. Erst spät kam ans Tageslicht, dass er wegen seiner sexuellen Orientierung acht Jahre in den Konzentrationslagern Dachau und Mauthausen inhaftiert gewesen war. Einen Film darüber zu machen, lehnte Willi ab. Erst nach seinem Tod kann sich Klaus Stanjek auf Spurensuche begeben und versuchen, die zahlreichen offenen Fragen zu klären. Warum wurde der Onkel wirklich inhaftiert? Wie konnte er die lange Zeit der Internierung überleben? Was war die Haltung seiner Familie? Doch jede Antwort wirft eine neue Frage auf. Das Material des Films basiert vor allem auf sekundären Quellen wie Erzählungen von Verwandten und Zeitzeugen, eigenen Erinnerungen, aufgespürten Dokumenten und vielen Fotos. Am Ende lässt sich das Bild des Onkels neu zusammensetzen - und man kommt der verdrängten und verdrehten Wahrheit ein Stück näher.


Eine furiose Szene wird virtuos neu montiert, digital bearbeitet, rhythmisiert und mit hartem Gitarrenrock instrumentalisiert. Sie steigert sich immer weiter und kommt doch nicht von der Stelle. Pfaffenbichler löst einen kurzen Ausschnitt aus Charlie Chaplins „The Floorwalker“ (1916) aus dem Originalfilm und verfremdet ihn, um ihn schließlich nach einem bestimmten Versschema zu ordnen. Davonlaufen, Verfolgt-Werden, Nicht-vom-Fleck-Kommen – seit Chaplin schon ein Wesen unserer Zeit?


Bürstenbart und Seitenscheitel: Keine andere historische Figur des 20. Jahrhunderts wurde so oft von unterschiedlichen Schauspielern dargestellt wie Adolf Hitler. Nicht weniger als 65 Hitler-Darsteller treten in diesem Film auf. Pfaffenbichler filmte sie alle in Schwarzweiß und im Super-8-Format von einem Monitor ab, sodass sie gemeinsam in ein und demselben Material existieren. „Conference“ dekonstruiert Abbilder und interpretiert sie mit ironischer Leichthändigkeit neu.


Eine sechsminütige Gaumont-Aktualitätenschau aus dem Jahr 1912, die den Untergang der Titanic thematisiert, liefert das Rohmaterial für  „Oceano Nox“. Die Katastrophe bleibt eine sich der Abbildung entziehende Leerstelle. Folglich baut die Aktualitätenschau ihren Nachrichtenwert aus den Ereignissen darum herum: der Kapitän auf der Brücke (wenn auch nicht der Titanic, sondern eines anderen Schiffes), wartende Menschen vor dem Gebäude der Reederei, wohltätige Upper-Class-Damen, die den geretteten Opfern mit Kleidung helfen wollen. Georg Wasner bearbeitet das Ausgangsmaterial, indem er Zooms der Aufmerksamkeit baut. Die Schärfe wird verlagert, Blickrichtungen und Tempi verändert, Zaungäste der einzelnen Szenen in den Fokus gerückt. Vor allem die unverhohlenen Blicke der Randfiguren in die Kamera rücken so ins Bewusstsein. Indem er bestimmte Aspekte in den Blick nimmt, reflektiert der Film das dokumentarische Material – und das  auf ebenso kluge wie poetische Weise.


Ein Haus ist abgebrannt. Was vom Feuer übrigblieb - Alltagsgegenstände, Kuriosa und scheinbarer Krempel - wurde fürsorglich in Kisten sortiert. Die teilweise verkohlten Gegenstände verraten scheinbar einiges über Carl, den Besitzer dieser Sammlung. Eine Reihe von Menschen beginnen, vor den Kisten stehend, zu berichten – und geben dem Zuschauer zunächst Rätsel auf. Wer war Carl? Ist er tot oder verschwunden? War er ein Künstler? Oder ein Messie? Jede Kiste mit verbrannten Materialien erzählt eine neue Legende des Unbekannten. So entsteht bei jedem Zuschauer ein eigenes Bild dieses Menschen. Der verbrannte „Nachlass“ von Carl ist das Material, das diesen experimentellen Film speist. Regisseur Daniel Lang geht mit den Fundstücken und den aus ihnen entstehenden Geschichten um, wie ein Maler mit einem Bild. Zunächst grundiert er, dann legt er Schicht für Schicht Farbe, Flächen und Formen auf, bis das Bild eine Tiefe bekommt. Aus dieser Tiefe erwächst eine Biografie mit Brüchen. Erst der Schluss verdeutlicht, wie nah sich Fiktion und Wahrheit doch oft sind.


Es ist eine Sensation: Igor Leschenko gelingt es Ende der 20er Jahre, mittels bizarrer Selbstversuche die Schwerkraft auszuhebeln. Doch dem jungen Physiker aus Hermannstadt bleibt die Anerkennung der Fachwelt verwehrt. Auf dem Kongress der Pataphysiker kommt es zum Eklat. Leschenko, als Schwindler diffamiert, beschließt, eine geheime Expedition zum Antigravitätspunkt auf der sagenumwobenen Insel Nanopol auszurüsten. Eine Collage aus Fundstücken, Filmausschnitten, Zeitungsartikeln und Fotografien wird zur imaginierten Dokumentation dieser surrealen Reise. Fernab von Zentropa und jenseits aller Genregrenzen träumt sich der Film mit dokumentarischem Material in ein phantastisches Paralleluniversum. Mit ansteckender Hingabe zum Detail nimmt Peter Volkart die Zuschauer mit auf eine Reise in unbekannte Gefilde – ein Wagnis, das gleichzeitig eine Hommage ist an den französischen Schriftsteller und Exzentriker Raymond Roussel.


Preise:
1er Prix Court Métrages, Festival International des Films du Monde, Montreal 2005, Special prize for fiction film, Festival Internazionale del Cortometraggio di Siena 2005, Bester Schweizer Kurzfilm, Zürcher Filmpreis 2005, FIPA d'or du meilleur court-métrage, Biarritz 2006, Bester Kurzfilm, Schweizer Filmpreis 2006

Essen, das menschliche Grundbedürfnis schlechthin, bildet die Klammer dieses Films über die Unmenschlichkeit des Krieges. Fünf Geschichten, fünf Begegnungen, die allein durch die hohe Kunst des Zuhörens zu einem Erlebnis werden. Sie konfrontieren uns mit sehr persönlichen Schicksalen, mit Geschehnissen und Bildern, die tief berühren. Ob für Trümmerfrauen, die Überlebenden eines Kinder-Arbeitslagers, ein Atombombenopfer, einen ehemaligen KZ-Häftling oder den Filmemacher selbst – Essenserfahrungen sind und bleiben ein zentraler Teil des persönlichen Erinnerns und Nicht-Vergessen-Könnens. Die enorme Bedeutung des Essens betrifft nicht die Nahrung allein, sondern den Kern des Menschseins. Hans-Dieter Grabe entlehnt die fünf Episoden seinem eigenen filmischen Werk und betitelt sie mit „5 Kartoffeln“, „Rote Rüben“, „Hefeklöße“, „Brot“ und „Vom Sattessen“. Das Bild- und Tonmaterial stammt aus Dokumentarfilmen, die der Filmemacher zwischen 1968 und 1999 drehte. Nicht zuletzt durch die thematische Zusammenführung entfalten die fünf Gespräche eine Wirkung, die lange nachhallt.


„Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung“ hieß das Erfolgsbuch des Schriftstellers und Journalisten Moritz von Uslar. Frei nach diesem Roman begibt sich André Schäfer auf eine filmische Feldforschung in den deutschen Osten, wo bereits der Buchautor hoffte, des „Prolls reine Seele“ ergründen zu können. Dabei spielt Moritz von Uslar sich selbst, Buchzitate werden unverändert nachgesprochen. Doch immer wieder reibt die Inszenierung sich an der Realität der Bilder. Der dokumentarische Blick des Regisseurs und sein offenes Zugehen auf die Protagonisten tragen wesentlich zur filmischen Verdichtung des Buchs bei. Aus Romanfiguren werden echte Menschen. Das Grau der Häuserfassaden wird von Landschaftsbildern voller Schönheit abgelöst. Die Spannung in diesem Film entsteht in den Brüchen und im humorvollen Spiel mit ostdeutschen Klischees. Denn das Denken in Schubladen geschieht letztlich im Kopf. Dieser Film öffnet Schubladen – und man entdeckt: „Deutschland ist (doch) ein feiner Kerl!“


„Zwischen Hass und unverständlich  bleibender Zärtlichkeit“ schuf Rolf Dieter Brinkmann eine eigene und im wahrsten Wortsinn revolutionäre literarische Ästhetik. Der nach seinem tragischen Tod 1975 zur Kultfigur avancierte Lyriker berauschte sich in furiosen Wortkaskaden und lustvoller Verweigerung an seiner Wut auf die Welt. Der Film begleitet den Dichter auf seinen medialen Streif- und sprachlichen Raubzügen durch die hassgeliebte Kölner Innenstadt. Auf der Grundlage von Original-Tonbändern und Super8-Filmen werden Spielszenen lippensynchron mit den Tonbandaufnahmen Brinkmanns verknüpft. Entstanden ist ein Filmexperiment, das einen ganz eigenen, kühnen Zugang zum Genre Literaturverfilmung findet. „Harald Bergmann zitiert Brinkmanns Kollagetechnik und wendet sie selbst mit derselben Gnadenlosigkeit an. So entsteht ein wütend-verstörendes Porträt einer Literaturikone, die heute schon oft wieder vergessen wird.“ (aus der Begründung der Grimme-Preis-Jury)


Preise:
Innovationspreis, Verband der Deutschen Filmkritik 2007, Preis der Autoren, Stiftung des Verlags der Autoren 2007, Grimme-Preis 2009

Wer war Heino Jaeger? Ein Kabarettist und Radiostar der 70er Jahre mit seiner Kult-Sendung „Fragen Sie Dr. Jaeger“. Ein verkannter Maler, der nie ein großes Publikum fand. Ein Mensch, der unter einem Kriegskindtrauma litt und nicht damit zurechtkam, dass das deutsche Kleinbürgertum die Vergangenheit um jeden Preis ignorieren wollte. Ein Gesellschaftskritiker, der mit seinen Parodien, Bildern und Zeichnungen zielsicher den Finger in Wunden zu legen wusste. Ein Unnahbarer, der sich selbst in die Psychiatrie einweisen ließ und dort im Alter von nur 59 Jahren starb. Gerd Kroske schuf sein Filmporträt über Heino Jaeger nach dessen Tod. Künstlerische Weggefährten, Verwandte und Freunde lassen darin die Persönlichkeit Jaegers in ihren Erinnerungen auferstehen. Mithilfe von Fotos, Tondokumenten, aber auch Bildern und Zeichnungen gelingt es Kroske „einen Künstler im Grenzgebiet des Wahns zu beschreiben – und den Zuschauer durch dessen Augen das Sehen zu lehren.“ (aus der Jurybegründung von DOK Leipzig)


Preise:
Goldene Taube, DOK Leipzig 2012, Filmpreis, Filmfest Schleswig-Holstein – Augenweide 2013

Es galt, die Kleinfamilie auszumerzen. 1972 gründete der österreichische Aktionskünstler Otto Mühl auf dem Friedrichshof nahe Wien eine Kommune, die die Utopie eines alternativen Lebens- und Gesellschaftsmodells vorleben sollte. Zeitweise lebten hier über 200 Kommunarden nach den Prinzipien des kollektiven Eigentums und der freien Sexualität jenseits von Paarbeziehungen. Ende der 80er Jahre zerbrach die Gemeinschaft von innen. Otto Mühl wurde 1991 wegen Missbrauchs Minderjähriger zu sieben Jahren Haft verurteilt. Paul-Julien Robert, selbst ein „Friedrichshof-Kind“, begibt sich auf eine Reise in die eigene Geschichte, mit ungewissem Ausgang. Voller Zweifel, aber respektvoll erzählt er von der engen Bindung zu seinen Altersgenossen, aber auch von Anpassungsdruck, Hörigkeit und Selbstentäußerung. Darüber hinaus konfrontiert Robert – ausgehend von erstmals öffentlich gezeigtem Archivmaterial – sich selbst und seine Mutter mit der Frage: Was ist Familie? Dass es darauf keine einfachen Antworten gibt, zeigt der Film, indem er sich traut, Widersprüche und Fragen stehen zu lassen.


Preise:
Bester Dokumentarfilm, Wiener Filmpreis 2012, OmU-Preis, DOK.fest München 2013, Grierson Award, London Film Festival 2013, Bester Dokumentarfilm & Bester Schnitt, Österreichischer Filmpreis 2014

Sonntag, 07 Oktober 2001: Ein pakistanischer Plakatmaler geht in Rawalpindi seiner Arbeit nach. Ein Pariser Straßenmusiker hofft auf ein Wiedersehen mit einer Unbekannten. Zwei Glücksritter wollen am Amazonas ein Bordell eröffnen. Und in Afghanistan schlagen die ersten Marschflugkörper der Amerikaner ein. Sondersendungen, verschobene Hochzeiten, steigende Goldpreise, Urlaubssperren - ein globalisierter Krieg beginnt. "Man kann seine Augen nicht überall haben", bemerkt der Ich-Erzähler des Films lakonisch und findet auf fünf Kontinenten zahlreiche kleine Geschichten, die im Schatten des großen Konflikts eine neue Wendung nehmen. Detailgenaue Blicke auf das Alltägliche, pointierte Zitate und selbstironische Bezüge kontrastieren mit den austauschbaren Nachrichtenbildern und dem immergrünen, nichtssagenden Rauschen der Nachtsichtkameras.


Preise:
Critics Jury Special Award, Istanbul; Nominierung Europäischer Filmpreis 2003