Do, 12. März, 19.00 Uhr


A 2014, 94 Minuten,

Regie: Johannes Holzhausen
Buch: Johannes Holzhausen, Constantin Wulff
Kamera: Joerg Burger, Attila Boa
Ton: Andreas Pils, Andreas Hamza
Schnitt und Dramaturgie: Dieter Pichler
Produzent: Johannes Rosenberger
Produktion: Navigator Film


„Ausstellungen machen, das bedeutet für mich immer, temporär eine Welt zu geben“, sagte der Ausstellungsmacher Harald Szeemann einmal. Wenn in einer altehrwürdigen Kultureinrichtung wie dem Kunsthistorischen Museum in Wien die umfassende Neuaufstellung eines bedeutenden Sammlungsteils ansteht, gilt es buchstäblich, eine alte Welt neu zu erschaffen. Über zwei Jahre beobachtet Johannes Holzhausen den Museumsbetrieb während der Neugestaltung der Kaiserlichen Kunstkammer. Dem Film gelingt es dabei, mit einer klugen Bildsprache die Aura und Mechanik des traditionsreichen Hauses zu erfassen und sie gleichzeitig immer wieder satirisch zu brechen. Restauratorinnen und Restauratoren versenken sich mit Hingabe in den Mikrokosmos von Gemälden, Miniaturschlachtschiffen und Bärenfell-Teppichen, während die Kuratorinnen an neuen Konzepten feilen und die Museumsleitung um ein zeitgemäßes Betriebsklima oder die Budgetierung ringt. Zugleich geht es darum, den imperialen Gestus des Hauses an die Zeiten des Eventtourismus anzupassen. Ein Spagat zwischen Kulturbewahrung und Markenstrategie.

Trailer: http://dasgrossemuseum.com/trailer/


Preise:
Caligari-Preis, Berlinale 2014; Beste Bildgestaltung Dokumentarfilm und Beste künstlerische Montage Dokumentarfilm, Diagonale 2014; Filaf d’argent, Perpignan 2014

Ein Film, ein Schauplatz. Ein einziger Schwenk führt durch die Wohnungen von verschiedenen Familien. Wir blicken in ihre Gesichter, sehen die Einrichtungen und hören ihre Geschichten. Eines haben sie gemeinsam: Sie alle wohnen im selben Haus in Neuperlach, einer Gegend, die bei vielen im schlechten Ruf steht. In den 60er Jahren wurde die Münchner Hochhaussiedlung vom gewerkschaftseigenen Wohnungsunternehmen "Neue Heimat" als "Stadt neben der Stadt" aus dem Boden gestampft. Nancy Brandt zeichnet mit Humor und Selbstironie ein Sittengemälde aus dem Herzen der Beton gewordenen Wirklichkeit eines Großsiedlungsprojekts. Präzise gezeichnet, entsteht dabei ein Mikrokosmos, der sich auf den gelebten Makrokosmos hin öffnet. Den Nachbarn der Hausgemeinschaft ist vor allem eines wichtig, denn hier zählt trotz aller Widrigkeiten: die gute Lage.


Preise:
(Auswahl) 2. Deutscher Kurzfilm-Förderpreis, Europäische Kurzfilmbiennale Ludwigsburg 2007; Jurypreis des Deutschen Wettbewerbs „Pilsner Urquell Innovationspreis“ 2007; 1. Preis im Dt. Wettbewerb und ZDFdokukanal-Preis, Internationales Kurzfilm Festival Hamburg 2007; Jury- und Publikumspreis, Kurzfilmfestival „kurzsüchtig“, Leipzig 2007

Haben Sie sich jemals Gedanken über den Sinn von Kreisverkehr-Mittelinseln gemacht? Volko Kamensky will der explosionsartigen Vermehrung der Kreisel in Frankreich und ihrer Ausstrahlung auf die deutsche Verkehrsplanung auf den Grund gehen. Mit unbedarft-wissensdurstiger Geste lässt er sich dazu von Experten aufklären. Sie sinnieren über die Leistungsfähigkeit des Kreisverkehrs im Vergleich zu signalisierten Knotenpunkten oder über das Geborgenheitsgefühl durch gestaltete Plätze. Immer stärker wächst das Thema über sich hinaus, psychologische Erkenntnisse folgen auf soziologische. Unterdessen strudelt die Kamera in Kreisverkehre hinein, dreht sich hypnotisch um unterschiedlichst gestaltete Platzmitten, um sich dann langsam wieder herauszuschrauben. Die Musik steigert die „göttliche Obsession“ zusätzlich ins Komische. Zum Staunen anregend, absurd und herrlich vergnüglich!


Preise:
Förderpreis der deutschen Filmkritik, Duisburger Filmwoche 1999; Preis der Filmvorführer, Bamberger Kurzfilmtage 1999; Deutscher Filmschulpreis, Filmfest München 2000

Sie kommen aus Syrien, Kenia, Kamerun oder einem anderen Land, in dem sie keine Zukunft haben. In Deutschland treffen sie auf eine Behörde, die über ihr weiteres Schicksal befindet. „Die Unsichtbaren“ begleitet die vier Asylbewerber Wasim, Gedeon, Mathew und Peterson auf dem Weg durch den formalisierten Prozess des Erfassens, Prüfens und Entscheidens. Der Ort, an dem diese entscheidenden Stationen des Asylverfahrens durchlaufen werden, ist die Zentrale Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt – ein Ort der Ankunft, der quälenden Unsicherheit und des ungewissen Ausgangs. Ein provisorischer, wenig einladender Ort, an dem die Zeit lang wird. Gleichzeitig entsteht hier aber auch Gemeinschaft und gibt so manchem – und sei es nur vorübergehend – Halt. Der Film gibt jenen ein Gesicht und eine Stimme, die in der Regel nur als Zahlen in Statistiken in Erscheinung treten. In der aktuellen, oftmals von Unkenntnis wie auch Unverständnis geprägten Debatte  bietet er eine ebenso erhellende wie sensible Innenansicht der „Blackbox Asylrecht“.

Trailer: https://vimeo.com/116562207


Auf alten Landkarten beschreibt der Name „Sarmatien“ die weiten Ebenen östlich der Weichsel, von der Ostsee im Norden bis hinunter ans Schwarze Meer. Es ist aber auch das Traumland des Dichters Johannes Bobrowski, „in dem alle Völker und Religionen Platz fänden, hätte nicht die Geschichte alles eins ums andere Mal umgepflügt“. Über viele Jahre besuchte Volker Koepp, auf den Spuren Bobrowskis, die Menschen und Landschaften dieser Region. Nun kehrt er zurück und begegnet einigen dieser Menschen wieder. Verwoben mit Erinnerungen und Ausschnitten aus seinen früheren Filmen, blickt Koepp auf das Leben der jungen Menschen heute. Sie erzählen vom Alltag in den Ländern ihrer Herkunft und von ihrer Suche nach dem Glück. Und immer stellt sich für sie die Frage: Bleiben oder gehen? Was bedeutet „Heimat“ für sie? Und was „Europa“? Zugleich zeigt der Film auch Hintergründe der aktuellen Entwicklungen in Russland, in Moldawien und in der Ukraine. Sehnsucht, Widerstand, Fortgehen und Wiederkommen – ein bewegter Blick auf Menschen und Landschaften in einer Zwischenzeit.

Trailer: http://www.volker-koepp-film.de/in-sarmatien/#trailer


Schlafen, essen, Pillen einnehmen. Tag für Tag. So sieht das Leben im Heim für neuropsychische Kranke in Gura Ocnitei, Rumänien, aus. Außer der täglichen Tablettenpflicht existieren keinerlei Therapie- oder Reintegrationsprogramme. In der hoffnungslos überfüllten Anstalt leben geistig und körperlich Behinderte, psychisch Schwerkranke und Sozialfälle auf engstem Raum zusammen. Die meisten sind schon seit über zehn Jahren hier. Zwar bestimmt der Verwaltungsapparat den Tagesablauf, doch parallel dazu ist eine ganz eigene, geschlossene Gesellschaft entstanden. Hier gibt es Freundschaften, Ehen, Zweckgemeinschaften, Abhängigkeiten. Und vor allem gibt es Lieder, die das monotone Dasein erträglicher machen und kollektive Fluchtmöglichkeiten in eine andere Welt eröffnen. Mit ruhigen, präzisen Bildern zeichnet der Film den Alltag im Heim. Alexandra Gulea hört genau hin und liest in den Gesichtern der Menschen, deren Würde sie niemals verrät.


Preise:
Sonderpreis Deutscher Kurzfilmpreis 2004; Goldener Schlüssel, Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest, 2004; Best Student Film, Molodist, Kiew 2004; DAAD Preis 2004; Lobende Erwähnung, Henry Langlois, Poitiers 2004

„Guten Morgen, Ihr Wichser“ brüllt eine Frau vom Balkon im oberen Stockwerk eines Hochhauses. Ihr Ruf verhallt im Nebel. Am südlichen Rand von Köln ragt aus der Ebene eine aus neun Hochhäusern bestehende Siedlung empor. Der Volksmund prägte den Namen „Kölnberg“. Hier leben über viertausend Männer, Frauen und Kinder aus über 60 Nationen – ein Ort, wo Arbeitslosigkeit, Drogenkonsum und Prostitution zum Alltag gehören. Laurentia Genske und Robin Humboldt blicken hinter die anonymen Zahlen und Sozialstereotypen. Sie geben vier Bewohnern einen Namen und eine Geschichte: Nanne, Martha, Biene und Karl-Heinz. Geduldig begleiten sie über zwei Jahre diese Menschen in ihrem Alltag und mit ihren Träumen. Alle vier suchen auf ihre Weise sich bestmöglich in ihrem Leben einzurichten und Nöte mit Humor abzufedern. Die zwischenmenschlichen Beziehungen der Bewohner des Kölnbergs spielen dabei eine bedeutende Rolle. Ein feinfühliger Einblick in eine Welt, die viele nur als sozialen Brennpunkt kennen.

Trailer: http://www.amkoelnberg.de/trailer.html


Preise:
Lobende Erwähnung, DOK Leipzig - Internationales Festival für Dokumentar- und Animationsfilm 2014

In der chinesischen Steppe liegt die Stadt Ordos – eine riesige Retortenstadt als Geldanlage für Reiche und Spekulationsobjekt. Ein Name wie aus einem Science-Fiction-Roman. Konrad Kästner lässt seine Kamera durch menschenleere, gespenstische Hochhäuserschluchten schweifen, Wasserspielen zuschauen, denen sonst niemand Aufmerksamkeit schenkt, und Countdowns von Ampelphasen betrachten. Verwoben werden die Bilder mit der Kurzgeschichte von Michael Ende „Die Bahnhofskathedrale stand auf einer großen Scholle“. Diese Erzählung über den Götzendienst am Geld und ungebremste Profitsucht liest sich wie eine literarische Vorwegnahme dessen, was in Ordos konkrete Gestalt angenommen hat. Mit ebenso beeindruckender wie verstörender Ästhetik wird eine Geisterstadt porträtiert, die aus der Geldgier einer im Wortsinne unmenschlichen Welt geboren wurde.

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=iKpdsACn8Tk


Preise:
Max-Bresele-Gedächtnis-Preis, Internationale Kurzfilmwoche Regensburg 2013; Bester Kurz-Dokumentarfilm, River Run International Film Festival, North Carolina 2014; Best Cinematography, International Bosphorus Filmfestival 2014; Prädikat besonders wertvoll

Manche Gebäude wirken so, als ob sie nicht für, sondern gegen seine Bewohner errichtet worden seien. Sie erscheinen wie eine fremdartige Festung, die man nur schwer in ihrer Komplexität erfassen, geschweige denn einnehmen kann. Der Corviale, ein gigantischer Wohnblock vor den Toren Roms, ist so ein Bauwerk. Über einen Kilometer frisst sich der "Il Palazzo" genannte Koloss aus Stahlbeton in die liebliche Landschaft. Das Wohnungsbauprojekt aus den späten 70er Jahren – seinerzeit als städteplanerische Utopie gefeiert – wurde schon vor seiner Fertigstellung von der Wirklichkeit eingeholt. Respektvoll nähert sich Katharina Copony der „Riesenschlange“, wie das Gebäude von seinen Bewohnern auch genannt wird. Kunstvoll verwebt sie Eindrücke von Architektur und Umgebung des zehngeschossigen Blocks mit Erzählungen seiner Bewohner. Nach und nach erwecken ihre Stimmen das beeindruckende labyrinthische Gebäude zum Leben. Ihre Berichte zeugen davon, wie der Corviale durch Eigeninitiative und Menschlichkeit zu einem Zuhause werden konnte.


Preise:
ARTE-Dokumentarfilmpreis, Duisburger Filmwoche 2006

Zu Beginn begleitet der Zuschauer eine Mitarbeiterin in den Sicherheitstrakt einer Forensischen Psychiatrie, einer Einrichtung, die selbst Augen und Ohren zu haben scheint – und er wird für die Dauer des Films nicht mehr daraus entlassen. Die Regisseurin zeigt den Alltag auf einer Frauenstation und konzentriert sich dabei auf das Verhältnis dreier Patientinnen zu ihren Pflegerinnen. Die psychisch erkrankten Frauen haben Straftaten begangen und sind „zur Besserung und Sicherung“ im Maßregelvollzug untergebracht. Der Regisseurin gelingt es, die Beklemmung in der Klinik und das erzwungene Miteinander der Protagonistinnen sensibel einzufangen. Zugleich baut sie zu den Frauen diesseits und jenseits des Gitters eine von Respekt getragene Beziehung auf, ohne Partei zu ergreifen. Überlegungen, die aufkommen, erwachsen im Betrachter selbst: Fragen zu Macht, Kontrolle, Schutz, Freiheit. Und nicht zuletzt die Frage, was es bedeutet, in einer „anderen Welt“ gefangen zu sein.

Trailer: http://www.avmedien.com/de/projekt/++/pid/51/


Preise:
Marlies-Hesse-Preis des Journalistinnenbundes, 2014

Vom Stahlwerk zum Seeblick. Auf der riesigen Brache des Dortmunder Stahlwerks „Phönix-Ost“ sollen ein künstlicher See und ein hochwertiges Wohnviertel mit Luxusimmobilien, mediterranem Flair und attraktivem Freizeitangebot entstehen. In direkter Nachbarschaft der alte Arbeiterstadtteil Hörde, der plötzlich nicht mehr so recht ins Bild passen will. Fünf Jahre lang begleiten Ulrike Franke und Michael Loeken diesen Prozess und seine Akteure von den ersten Sitzungen der Projektentwickler bis zur feierlichen Eröffnung und darüber hinaus. Der Film dokumentiert die Transformation einer Landschaft und ihrer Bewohner: Ein Stadtteilpolizist registriert auf seinen Rundgängen feinste soziale Verwerfungen, eine Kioskbesitzerin wartet vergeblich auf die Kunden von morgen, zukünftige Nachbarn begegnen sich an imaginären Grundstücks-grenzen, und Funktionäre werden durch das Brutverhalten von Wasservögeln aus dem Konzept gebracht. Der unvoreingenommene Blick auf die Protagonisten und das Gespür für oftmals unfreiwillig komische Situationen offenbaren das wahre, das menschliche Ausmaß des Strukturwandels.

Trailer: http://www.goettliche-lage.de/trailer/


Preise:
Prädikat besonders wertvoll der Deutschen Film- und Medienbewertung; Vorauswahl zum Deutschen Filmpreis 2015

Ein gewaltiger Bau. Dreiecke, Sechsecke formen die Architektur – bilden Anordnungen von Durchblicken, Ausblicken, Gängen und öffnen Räume. In Kyoto steht ein Internationales Kongresszentrum, errichtet 1966 von dem Japaner Sachio Otani – einem Vertreter des japanischen Nachkriegsarchitekturstils Metabolismus. Mögen die avantgardistischen Entwürfe der Metabolisten einer anderen Zeit entspringen, so ist das Konzept einer flexiblen, organischen Architektur nach wie vor zeitgemäß und spannend. Stefanie Gaus und Volker Sattel erschließen in klaren, sorgfältig gestalteten Bildern das Gebäude, beobachten die Vorbereitungen und Abläufe von Kongressen, hören den Erinnerungen von Simultandolmetschern zu. Die architektonische Leistung ist das Visionäre. Und nicht zuletzt deshalb erinnern die Filmemacher mittels Archivmaterial daran, dass hier 1997 die Weltklimakonferenz stattfand, die zum ersten und bisher einzigen Abkommen zum Klimaschutz von völkerrechtlicher Bedeutung geführt hat. Ein Ort von monumentaler Größe – eine filmische Hommage.


Die wunderbare Langzeitbeobachtung einer Dorfgemeinschaft von Roma irgendwo im rumänischen Hinterland. Der Lebensrhythmus ist stark von der Natur geprägt. Holz muss (heimlich) geschlagen, Pilze, Beeren und Wildkräuter gesammelt werden, um ein karges Auskommen zu sichern. Während die Kinder den Tag in der Natur verbringen, versuchen sich die Erwachsenen als Lohnarbeiter auf den Feldern in der Umgebung zu verdingen. Doch das wird immer schwieriger. Die Zeit spielt der Roma-Gemeinde mit ihrem subsistenzorientieren Lebensstil und einem archaisch wirkenden Gemeinwesen nicht unbedingt in die Hände. Den Filmemachern gelingt es, die Menschen des Dorfes zu begleiten als wären sie selbst Teil der Gemeinschaft.  Dabei entstehen gewissermaßen en passant Bilder von berührender und poetischer Qualität. Durch die unverstellte Nähe zu den Protagonisten erwächst im Zuseher die Empathie für die Dorfbewohner und ihr Leben, das zunächst so weit weg von dem unseren zu sein scheint. „Was filmt die Frau?“, fragt das Kind. „Die Welt“ antwortet die Mutter.


Preise:
Förderpreis der Stadt Duisburg, Duisburger Filmwoche 2014; nominiert für den Michael-Ballhaus-Kamerapreis 2014

Auschwitz. Das größte deutsche Vernichtungslager im Dritten Reich gilt bis heute als Sinnbild des Holocausts. Dass die Gedenkstätte den vielen Besuchern ein möglichst authentisches Bild des ehemaligen KZs präsentieren kann, ist jedoch nicht selbstverständlich. Hinter den Kulissen wird Tag für Tag daran gearbeitet, den Verfall des Ortes und seiner zahlreichen Objekte aufzuhalten. In langen, konzentrierten Einstellungen beobachtet Jan Sobotka die Arbeit der Restauratoren. Mit Wattestäbchen wird sorgfältigst Rost von Kofferschlössern entfernt, unzählige Brillengestelle werden geordnet, Schuhe vom Staub befreit, Barackenwände quadratzentimeterweise inspiziert. Doch kann man den Verfall von „Zeitzeugnissen“ durch die Konservierungsarbeit aufhalten? Wie lässt sich die Erinnerung an den Holocaust überhaupt erhalten? Und wie kann man einen Schauplatz der Geschichte und die mit ihm verbundenen menschlichen Schicksale bewahren? Durch seine ruhige, aber zielgerichtete Montage nimmt der Film sich die Zeit, solche Fragen aufkommen zu lassen – ohne darauf Antworten zu geben.


Preise:
Deutscher Kurzfilmpreis 2014 als bester Dokumentarfilm

Der Blick aus einem sehschlitzartigen Busfenster. Draußen die vorbeiziehende Landschaft, drinnen die eigene Gedanken- und Gefühlswelt. Dazwischen Panzerglas. "Verschubung" nennt man den Häftlingstransport zu einer Gerichtsverhandlung oder die Verlegung in eine andere Haftanstalt. In speziell ausgebauten Linienbussen, die einem Fahrplan folgen, werden Strafgefangene quer durch die Republik befördert. Was für den Staatsapparat tägliche Routine ist, bedeutet für den Insassen oftmals eine belastende Reise von unbestimmter Dauer. "Das ist so eine Art Sightseeing-Zwischenwelt. Man kriegt auf dem Präsentierteller alles gezeigt, was man nicht anfassen darf." Mit konzentriertem Blick und beschränkt auf das Wesentliche, zeigt "Raumfahrer" eine unbekannte Facette unseres Justizvollzugssystems. Indem er den Zuschauer die Perspektive des Häftlings einnehmen lässt, macht der Film den Verlust von räumlicher Orientierung, Zeitgefühl und Autonomie greifbar.


Die multikulturelle Gesellschaft Zyperns steht angesichts der Flüchtlingsströme aus Afrika und Asien vor einer Zerreißprobe. Iva Radivojević, die mit ihrer Familie selbst in den 90er Jahren vor den Balkankriegen nach Zypern floh, nimmt für ihren Film die konkrete Situation der Asylsuchenden als Ausgangspunkt, um in einem Mosaik an Geschichten und persönlichen Gedanken Fragen der Identität, Entwurzelung oder des Exils nachzugehen. Im Glauben, es über die Mittelmeerinsel am einfachsten in die Festung Europa zu schaffen, stranden viele Syrer, Afghanen und irakische Palästinenser hier, an einem Ort, der keine Perspektive für sie bietet. In Aufmärschen hetzen Anhänger einer offen rassistischen Partei gegen die vermeintliche Besatzung durch Türken und Immigranten. Doch es gibt auch Solidarität mit den Flüchtlingen und antifaschistischen Widerstand. Ein visuell beeindruckendes Filmessay in fünf Kapiteln über das „traurige Wiegenlied, das wir Heimat nennen“.

Trailer: http://www.evaporatingborders.com/trailer/


Preise:
DokuFest 2014; RTP Award Best Investigation Film, Doc Lisboa International Film Fesitval; Coup de Couer du Jury, FIFIG 2014