Filminfos: 6 aus 9 Jubiläums-Reihe

 


Mi, 28. September, 19.30 Uhr


D / CH 2011, 84 Minuten, OmU

Buch, Regie: Bettina Borgfeld,
David Bernet

Buch: Christin Stoltz
Kamera: Marcus Winterbauer,
Börres Weiffenbach
Schnitt: Inge Schneider
Ton: Jörg Kidrowski, Maximilian Pellnitz, Mauricio Wells
Produktion: Dreamer Joint Venture, Pandora Film, maximage


Für den Kleinbauern Geronimo Arevalos ist Soja wie eine Bombe. Für die brasilianischen Großgrundbesitzer, die in Paraguay riesige Ländereien bewirtschaften, ist die Sojabohne hingegen eine Verheißung. Allein für die deutsche Tierproduktion werden in Lateinamerika etwa drei Millionen Hektar Soja angebaut. Der Großteil der Ernte besteht aus gentechnisch veränderten Pflanzen.

"Raising Resistance" erzählt vom Kampf der paraguayischen Campesinos, der autark lebenden Landbewohner, deren Existenz auf dem Spiel steht. Mit vereinten Kräften stemmen sie sich gegen ein zerstörerisches Produktionssystem, das sie nicht nur ökonomisch abdrängt, sondern auch Leib und Leben gefährdet. Denn die verwendeten Pestizide verseuchen das Grundwasser und verursachen Krankheiten und Gendefekte.

Der Film gibt den Bauern, Sojaproduzenten, Bioingenieuren und Politikern eine Stimme. Mit viel Feingespür, aber ohne jede Polemik zeigt er damit die verschiedenen Dimensionen einer entfesselten globalisierten Agrarindustrie. Diese findet nicht irgendwo fernab, auf einem anderen Kontinent statt. Sie betrifft uns alle.

Trailer: raising-resistance.com


Preise:
(Auswahl) Nonfiktionale Preis 2013; BILD-KUNST Schnitt Preis Dokumentarfilm 2012; Deutscher Naturfilmpreis 2012; Prix SRG SSR, Visions du Réel 2011

Roman ist Autist und spricht nicht. Über die sogenannte gestützte Kommunikation kann er sich seiner Umwelt deutlicher mitteilen. Aber auch in seinen selbstgedrehten Videos eröffnet sich dem Zuschauer ein Blick in seine Welt. Der Film begleitet Roman in seinem Alltag auf einem Bauernhof im Schweizer Jura. Romans verständnisvoller und ruhiger Ausbilder – unter anderem an der Motorsäge – heißt Xaver. Die beiden haben ein spannungsreiches Verhältnis und finden im Laufe des Films auf ihre Art langsam zueinander. Der Filmemacher Ramòn Giger beobachtet dies feinfühlig und nicht ohne Humor. Als Xaver unerwartet stirbt, wird die eigentliche Tiefe der Beziehung zwischen den beiden Protagonisten spürbar. „Eine ruhige Jacke“ ist eine filmische Einladung, sich seinem Gegenüber möglichst unvoreingenommen zu nähern.


Preise:
Nonfiktionale Preis 2010

In ihren Liedern geht es um Wilderer und Bergleute, um abgestochene Schweine und menschliche Blutrünstigkeit. Die Menschen in der alten österreichischen Eisenindustriezone Eisenwurzen haben Volkslieder von jeher als Kommunikationsmittel genutzt. Auch heute noch sind die "Waldandacht", das "Saustecherlied" oder das Lied vom "Schwarzern Kohlführerbuam" dort nicht in Vergessenheit geraten. Jenseits von allem fernsehgerechten Schunkelschmonz  lässt Eva Eckerts Film Lieder wiederauferstehen, die von einer anderen Zeit und einer anderen Identität erzählen. Lieder, die Zweideutigkeiten und Derbheiten zulassen, aber auch von der engen Verbundenheit mit der Arbeit im Bergbau zeugen. Die Orte, an denen die Sängerinnen und Sänger ihre gesungenen und gejodelten Geschichten vortragen, sind erkennbar arrangiert und wirken dennoch authentisch. Eisenwurzen ist vielleicht nicht so sehr ein Musical als vielmehr der Blues einer vergangenen Epoche.


Preise:
Nonfiktionale Preis 2012

Die wunderbare Langzeitbeobachtung einer Dorfgemeinschaft von Roma irgendwo im rumänischen Hinterland. Der Lebensrhythmus ist stark von der Natur geprägt. Holz muss (heimlich) geschlagen, Pilze, Beeren und Wildkräuter gesammelt werden, um ein karges Auskommen zu sichern. Während die Kinder den Tag in der Natur verbringen, versuchen sich die Erwachsenen als Lohnarbeiter auf den Feldern in der Umgebung zu verdingen. Doch das wird immer schwieriger. Die Zeit spielt der Roma-Gemeinde mit ihrem subsistenzorientieren Lebensstil und einem archaisch wirkenden Gemeinwesen nicht unbedingt in die Hände. Den Filmemachern gelingt es, die Menschen des Dorfes zu begleiten als wären sie selbst Teil der Gemeinschaft.  Dabei entstehen gewissermaßen en passant Bilder von berührender und poetischer Qualität. Durch die unverstellte Nähe zu den Protagonisten erwächst im Zuseher die Empathie für die Dorfbewohner und ihr Leben, das zunächst so weit weg von dem unseren zu sein scheint. „Was filmt die Frau?“, fragt das Kind. „Die Welt“ antwortet die Mutter.


Preise:
Sachtler Kamerapreis der Nonfiktionale 2015, Förderpreis der Stadt Duisburg, Duisburger Filmwoche 2014; nominiert für den Michael-Ballhaus-Kamerapreis 2014

Sie kommen aus Syrien, Kenia, Kamerun oder einem anderen Land, in dem sie keine Zukunft haben. In Deutschland treffen sie auf eine Behörde, die über ihr weiteres Schicksal befindet. „Die Unsichtbaren“ begleitet die vier Asylbewerber Wasim, Gedeon, Mathew und Peterson auf dem Weg durch den formalisierten Prozess des Erfassens, Prüfens und Entscheidens. Der Ort, an dem diese entscheidenden Stationen des Asylverfahrens durchlaufen werden, ist die Zentrale Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt – ein Ort der Ankunft, der quälenden Unsicherheit und des ungewissen Ausgangs. Ein provisorischer, wenig einladender Ort, an dem die Zeit lang wird. Gleichzeitig entsteht hier aber auch Gemeinschaft und gibt so manchem – und sei es nur vorübergehend – Halt. Der Film gibt jenen ein Gesicht und eine Stimme, die in der Regel nur als Zahlen in Statistiken in Erscheinung treten. In der aktuellen, oftmals von Unkenntnis wie auch Unverständnis geprägten Debatte  bietet er eine ebenso erhellende wie sensible Innenansicht der „Blackbox Asylrecht“.

Trailer: https://vimeo.com/116562207


Preise:
Bürgerpreis der Nonfiktionale 2015

Gammelsfeld liegt in Schwaben. Es gibt eine Kirche, einen EDEKA-Laden, eine Kneipe, eine Freiwillige Feuerwehr, ein Schotterwerk und eine berühmte Bank. Es ist die Zeit vor dem Euro. Aber das tut nichts zur Sache. Die Raiffeisenbank Gammesfeld ist die letzte Bank in Deutschland, die ohne Computer arbeitet. Der Bankdirektor Fritz Vogt ist gleichzeitig Sekretär, Buchhalter, Kassierer, Nebenerwerbslandwirt und Rentner. Die Rechenmaschine ist von 1938 und funktioniert mit einer Kurbel. Wenn ein Kunde Geld vom Konto abhebt, dann schreibt Herr Vogt alles säuberlich mit dem Füllfederhalter auf. Doch Sigrun Köhler und Wiltrud Baier entführen uns nicht in einen kuriosen Finanzkosmos, sondern in das Soziotop Gammelsfeld. Es geht auch um Befindlichkeiten und um Zeichen des Wandels. Ein Dorfporträt zwischen Ironie und Lakonie. Der 11. September findet fast nebenbei statt. Und am Stammtisch beim Bier hört man leise Udo Jügens: „Ich war noch niemals in New York ...“.


Preise:
Nonfiktionale Preis 2008