Programm 2007

12. Etage (I. Suba)

Adrian will tanzen (M. Fenn)

Auf demselben Planeten (K. Eißing, )

Babooska (T. Covi u. R. Frimmel)

Chrigu (J. Gassmann u. C. Ziörjen)

Circus Krönchen (A. Kölmel)

Der rote Teppich (A. u. E. Asch)

Gernstls Reisen (F. X. Gernstl)

Mein letzter Tag als fiktiver Mensch (D. Aguirre)

Mein Tod ist nicht Dein Tod (L. Barthel)

Mutterjahre (S. Banuls u. P. Heller)

Portrait einer Rothaarigen (J. Mayerhofer u. P. Wallner)

Was lebst Du? (B. Braun)

Weil der Mensch ein Mensch ist (F. Finsterwalder u. S. Hilpert)

Zirkus is nich (A. Schult)

Zur falschen Zeit am falschen Ort (T. Milosevic)

 


Fr, 28. September, 14.00 Uhr


D 2007, 13 Minuten,

Regie, Musik: Isabell Suba
Kamera: Andras Hartmann
Montage: Clemens Walter
Ton: Christian Simon
Produktion: Luisa Korsukewitz
Dramaturgische Beratung: Daniel Wild


Berlin Marienfelde. In der 12. Etage einer Hochhaussiedlung lebt Marcel mit seiner Mutter und seiner Schwester. Der junge Mann arbeitet tagsüber in einer Werkstatt für Behinderte. Nachts widmet er sich seiner großen Liebe: den Sternen. "Für mich ist eigentlich der Alltag in einer Werkstatt der größte Schrott des Lebens. Es gibt so viele Dinge, die man machen kann, wenn man nicht arbeiten geht. ... Als Amateurastronom zu arbeiten mit Fernrohren und Teleskopen. Jedenfalls richtig mit der Natur herumzuforschen." Isabell Suba gelingt auf allen filmischen Ebenen eine sensible Annäherung an einen Menschen, dessen Behinderung dabei in den Hintergrund rückt. Im Betonmeer der Hauptstadt träumt Marcel von den Sternen, die ihn so ernsthaft faszinieren, wie sie einen Sternenforscher faszinieren sollten. Die Kamera nimmt eine beobachtende Haltung ein und wagt gleichzeitig, in Prismen verzerrten Bildern, in die Wahrnehmungswelt von Marcel einzutauchen: Der Großstadtdschungel im Kaleidoskop. Für einen Augenblick sehen wir die Welt mit den Augen des Anderen.


Preise:
1. Platz Festival "Prädikat Wertvoll 2007"

Adrian will tanzen

(Junge doks)

Fr, 28. September, 11.00 Uhr


D 2003, 29 Minuten,

Buch, Regie: Manuel Fenn
Kamera: Manuel Fenn, Michael Weihrauch
Schnitt: Antonia Bergmiller
Ton: Christian Lutz, Thomas Schrader, Mark Witte


Der Vater des 11jährigen Adrian ist leidenschaftlicher Baggerführer. Lebhaft kann er von der Leistung seiner lauten Baumaschinen erzählen. Er hätte es gerne gesehen, wenn sein Sohn seine Begeisterung teilen würde. Doch Adrian zieht es seit der frühen Kindheit zum klassischen Ballett. Er will Tänzer werden – das steht fest! In Adrians kleiner Familie, die im 14. Stock einer Berliner Plattenbausiedlung lebt, treffen zwei Welten aufeinander. Aber Vater und Sohn verbindet auch etwas: Ihr Ehrgeiz und ihre Liebe zu dem was sie tun. Adrian gibt alles, um die Abschlussprüfung an der staatlichen Ballettschule in Berlin zu bestehen, während sein Vater seine Passion auf dem Bau auslebt. Eine in lebendigen Bildern erzählte Vater-Sohn Beziehung die zeigt, dass oft das Verständnis wichtiger ist als das Verstehen. Der Film handelt von Erwartungen und Vorurteilen, vom Mut, auch das Unbekannte zu akzeptieren und der Kraft, die ein Kind haben muss, wenn es seinen eigenen Weg gehen will.


Preise:
Nominierung Adolf-Grimme Preis 2004
Emil 2004 - Preis für gutes Kinderfernsehen (KIKA Fassung "Adrian tanzt" aus der Reihe "Stark!")

Der Film "Auf demselben Planeten" ist der tastende Versuch, die eigene Familie zu begreifen. Katrin Eißings Kindheit und Jugend in den 70er Jahren waren geprägt von der so genannten "antiautoritären Erziehung", einem emotional abwesenden Vater und einer mit ihrer Rolle überforderten Mutter. Weit gehend auf sich gestellt, mussten sie und ihre drei Brüder selbst zusehen, wie sie "die Kurve kratzen". Arne, der Älteste, schaffte es nicht. Mit 16 reiste er nach Italien, später nach Indien, kam von Drogentrips gezeichnet wieder zurück. Schließlich kam er in psychiatrische Behandlung. In langen Gesprächen mit ihrer Mutter und den drei Brüdern legt Katrin Eißing ein Stück sehr persönlicher Vergangenheit frei. Sichtbar wird vor allem ein Dokument innerer Zerrissenheit. Gleichzeitig wird ihre Familiengeschichte in gewisser Weise auch zum Spiegel der 70er Jahre. "Es macht nichts wenn wir uns nicht so oft sehen können. Du weißt ja, wir sind auf demselben Planeten."


Zu Beginn des Films feiert die junge Artistin Babooska ihren zwanzigsten Geburtstag, am Ende wird sie einundzwanzig. Ein Jahr lang folgen Tizza Covi und Rainer Frimmel einem kleinen Familien-Wanderzirkus durch die italienische Provinz. Mit ihrer 16-mm-Kamera zeichnen sie dessen von Existenzkampf und permanenter Entwurzelung geprägten Alltag in ungeschminkten und klischeefreien Bildern auf. Vor Beginn der Dreharbeiten haben die beiden Filmemacher mehrere Jahre lang vertrauensbildende Vorarbeit geleistet. Kein Kommentar und keine Interviewszene drängen dem Zuschauer irgendwelche Erklärungen auf. Stattdessen darf sich jeder sein eigenes Bild machen von einem entbehrungsreichen, ungewissen Nomadenleben, das in unserer heutigen Zeit seltsam anachronistisch wirkt. Einem Leben zwischen einer glorreichen Vergangenheit und einer unsicheren Zukunft, zwischen existenziellem Zweifel und der Hoffnung, dass es doch immer so sein möge wie ein voller "moderner, gut geheizter Zirkus."


Preise:
u.a.
Wolfgang-Staudte-Preis, Berlinale 2006
Prix international de la Scam, Cinèma du Rèel 2006
Großer Diagonale-Preis für den besten österreichischen Dokumentarfilm 2005/06 Diagonale Graz
Bester italienischer Dokumentarfilm, Festival dei Popoli 2006

Mit 21 Jahren erfährt Christian Ziörjen, genannt Chrigu, von seinem Krebsleiden. Da hat das Leben eigentlich erst richtig begonnen. In einer Art Videotagebuch dokumentiert der junge Mann seinen Kampf gegen die Krankheit. Als seine Kräfte nach einem Rückfall zunehmend schwinden, bittet er seinen besten Freund Jan weiterzudrehen. Noch kurz vor seinem Tod, als nur noch entsprechende Morphiumdosen ihn vor einem Sprung aus dem Fenster bewahren, gibt er Jan mit auf den Weg: "Der Film soll nicht traurig werden. Der Film soll nicht moralisieren. Der Film soll lustig werden." Ein unmögliches Unterfangen. Dennoch ist es ein lebensbejahender Film – auch dann, als Chrigu sich schon aufgegeben hat. Indem der Film alte und neue Aufnahmen miteinander collagiert und die unterschiedlichen Zeitebenen springen lässt, bewahrt er etwas von Chrigus "unfertigem" Leben. Ein Film der sowohl die Protagonisten, als auch die Zuschauer auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitnimmt.


Preise:
Preis der Ökumenischen Jury, Internationales Forum des Jungen Films, Berlinale 2007

„Das beste Publikum? Sie müssen fröhlich sein. Wir haben bisher noch jedes Publikum zum Lachen gebracht“. Eberhardo, Circusdirektor und größter Seiltänzer der Welt, bringt die Motivation seiner Truppe auf den Punkt. Auf einem Wasserschloss - einem Wohnheim für Menschen mit geistiger Behinderung - wohnen Persönlichkeiten mit vielseitigen Begabungen und Neigungen zusammen. Vor 20 Jahren wurde die Idee geboren, als Artisten aufzutreten. Heute sind 20 Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 70 Jahren mit vollem Einsatz dabei. Routinierter Circusbetrieb kontrastiert mit den kleinen und großen Herausforderungen des Alltags. Andreas Kölmel hat ein einfühlsam-skurriles Gruppenportrait voller Poesie und Situationskomik gezeichnet. Ein Balanceakt, bei dem es der Filmemacher geschickt vermeidet, eine allzu possierliche Behindertenwelt vorzugaukeln. Der Blick hinter die Kulissen erschließt dem Zuschauer die Tiefendimensionen der Komik: die persönlichen Eitelkeiten, den Stolz und die geistige Freiheit jedes Einzelnen.


30 Jahre lang ist Axel Brauns sich selbst genug. Nicht Vater oder Mutter, sondern die rechteckige Form der Gehwegplatten geben ihm Sicherheit und Geborgenheit. Kein literarisches Werk fesselt ihn so sehr wie das Verzeichnis Deutscher Trabergestüte. Erst die Begegnung mit dem Buch eines autistischen Autors macht ihm bewusst, dass nicht alle Anderen sich sonderbar verhalten, sondern er selbst es ist, der aus der Rolle fällt. Er beschließt Schriftsteller zu werden. Mit seinem autobiographischen Debüt "Buntschatten und Fledermäuse" wird er für den Deutschen Bücherpreis nominiert. Doch seine eigentliche Leidenschaft gilt dem Film. Er als Oskarpreisträger auf dem Roten Teppich, damit wäre jeder Zweifel zerstreut, er sei sozial angepasst. Andrea und Eric Asch geben auf sensible und humorvolle Weise Einblicke in die eigenwillige Welt des Axel Brauns. Sie erzählen von den Gedankengängen und der inneren Zerrissenheit eines Asperger-Autisten, der zwischen den Ansprüchen gefangen ist, er selbst und gleichzeitig "normal" zu sein.


Preise:
Förderpreis Dokumentarfilm des FFF Bayern 2007

In Bayern sind die Geschichten vom Straßenrand des Franz Xaver Gernstl Kult. Die Menschen lieben an seinen Filmen das uninszenierte und authentische Gefühl, das sie vermitteln. Gernstl setzt sich und das Team selbst in Szene und macht so transparent, wie er als Dokumentarist arbeitet. Seit 1983 durchquert er mit seinen Freunden HP Fischer (Kamera) und Stefan Ravasz (Ton) Deutschland und Europa: "auf der Suche nach irgendwas. Damals dachten wir, auf der Suche nach den besten Weibern, dem besten Bier und den besten Bratwürsten. Und eigentlich waren wir, aber das ist uns erst später aufgefallen, auf der Suche nach Menschen, die wissen wie man richtig lebt." Dem Glück der Menschen auf die Spur zu kommen, heißt, sie manchmal auch mit dem Unglück zu konfrontieren. Gernstls stärkste Momente sind immer die, in denen er auf Menschen stößt, die leiden und lieben und das auch preisgeben. Humorvoll und selbstreflektiert fasst dieser Kinofilm die 20jährige Suche zusammen und zeichnet damit auch die Entwicklung des Dokumentaristen selbst nach.


"Mein letzter Tag als fiktiver Mensch" ist ein frecher, in Guerillataktik gedrehter Kurzfilm. Dario Aguirre, der aus Ecuador stammende Regisseur, erhält von der Ausländerbehörde eine Fiktionsbescheinigung! Aguirre stellt sich humorvoll der Selbstprüfung und versucht die Integration und den Sprung über die Hürden der Behörden. Hier ist der Protagonist der Regisseur und der schert sich nicht um Drehgenehmigungen und andere äußere Zwänge. Der Film beschreibt, wie sich das Fremdsein und Fremdwerden in unserer Gesellschaft anfühlt. Eine schlagfertige Antwort auf das Getöse um die deutsche Leitkultur und ein witziges Statement zur Würde des Menschen.


Preise:
Medaille der UNICA als "Film mit völkerverbindendem Inhalt", Festival der Nationen 2006

Der Film erzählt vom letzten erträumten Wiedersehen zweier Liebender und von der schweren Kunst des Loslassens. Zu Beginn erhält der Filmemacher einen mysteriösen Auftrag von seiner verstorbenen Frau Chetna. Er soll ihre Asche ausgraben und nach indischem Brauch in alle Winde zerstreuen. Er bereist die Orte der Vergangenheit und der Erinnerung. Eingebettet in diese fiktive Rahmenhandlung beschreibt der bildstarke Film Chetnas Geschichte und Lebensweg: Ihr Regiestudium in der DDR, ihr Leben und ihre Arbeit gemeinsam mit Lars Barthel, ihre Auswanderung nach Indien nachdem ihre Filme in der DDR verboten wurden, ihre Rückkehr nach Westberlin und schließlich ihren Tod während gemeinsamer Dreharbeiten in Indien."Als Kameramann bin ich vertraut mit ganz verschiedenen dokumentarischen Erzählformen doch keine schien mir für meinen Film passend. Die eigene Biografie ist ein tückisches Material. Wie Abstand halten und Nähe zulassen? Ich suchte nach einer unbekannten Form, die mich motivierte und neugierig machte... Ich begann einen Dialog mit meiner toten Liebsten zu schreiben."


Preise:
Filmfestival Türkei/Deutschland - Spezialpreis der Jury 2007
Dokumentarfilmfest Leipzig - Discovery Channel Filmpreis 2006

"Mutterjahre" ist der dritte Teil einer erstaunlichen Familiensaga, die das Leben am Rand der Wohlstandsgesellschaft dokumentiert. 30 Jahre lang wurde eine vormals obdachlose, elfköpfige Familie aus Köln mit der Kamera begleitet. Dreh- und Angelpunkt des von Arbeitslosigkeit, Drogensucht und Armut bedrohten Mikrokosmos ist die Mutter, der es mit Kraft und Humor gelingt, die innere Verbundenheit ihrer Familie aufrecht zu erhalten. Doch die engen Beziehungen bergen auch ihre Schattenseiten. Nicht allen Kindern gelingt es, sich von der bedingungslos geliebten Mutter zu lösen und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Der Tod von "Mama General" stürzt die Familie in eine tiefe Krise. Der Film lässt Stationen aus dem Leben dieser außergewöhnlichen Frau Revue passieren und gewährt vertrauliche Einblicke in eine Welt, deren Menschen allzu oft in den Medien für billige Stimmungsmache benutzt und vorgeführt werden. Eine liebevoll- melancholische Hommage an eine Mutter und eine packende Langzeitbeobachtung sozialer Nöte in Deutschland.


Rot. Das war die Farbe der Lotte Lenz, die im niederbayerischen Vilsbiburg als Pop-Legende galt. Petra Wallner und Josef Mayerhofer haben die "Frau ohne Alter" in ihren letzten Lebensmonaten portraitiert. Rot steht in diesem Film für den Kosmos dieser skurrilen Dame, den Petra Wallner in spannenden und liebevollen Stillleben einfängt und pointiert überhöht. Die inszenierten Bilder treten mit der rothaarigen Lotte Lenz und ihrer Welt aus Plüsch und Kitsch in einen Dialog über das Leben und die Kunst der Selbststilisierung. Aus der gebotenen Distanz spüren sie der von der Protagonistin leidenschaftlich gelebten, fragilen Illusion ewiger Jugend nach, ohne diese zu entzaubern. Josef Mayerhofer stammt selbst aus Vilsbiburg und so kann dieses Portrait auch als ein gelungener Versuch gelten, sich einer Ikone seiner Jugend unaufdringlich und einfühlsam zu nähern.


Preise:
Förderpreis Dokumentarfilm des FFF Bayern 2005

Was lebst Du?

(Junge doks)

Do, 27. September, 11.00 Uhr


D 2004, 84 Minuten,

Regie, Buch, Kamera, Ton: Bettina Braun
Schnitt: Gesa Marten, Bettina Braun
Produktion: ICON FILM


Sie träumen von einer Zukunft als  Schauspieler, Starfriseur, Rapper, Normalverdiener. Doch ihre Realität sieht anders aus. Für die vier Freunde Ali, Kais, Ertan und Alban – alle zwischen 16 und 20 Jahre alt – geht es nur unter Mühen weiter. Immerhin haben sie in dem Kölner Jugendzentrum „Klingelpütz“ einen Ort gefunden, wo sie zwischenzeitlich Luft holen und die witzigen, abgeklärten und coolen Machos geben können. Hinter aller Selbstinszenierung bricht jedoch immer wieder die innere Zerrissenheit und Unsicherheit der jungen Männer hervor. Während der über zweijährigen Dreharbeiten ist  Bettina Braun – Kamera, Ton und Regie in Personalunion – fast schon zu einem Teil ihres Alltags geworden. Dabei gelingt es ihr auf beeindruckende Weise, eine Balance aus großer Nähe und diskreter Distanz zu finden sowie das gegenseitige Geben und Nehmen zwischen Filmemacherin und Protagonisten in den Film zu integrieren.


Preise:
RP-Publikumspreis der Duisburger Filmwoche 2004
1. Preis als bester Dokumentarfilm beim Filmfestival Türkei/Deutschland/Nürnberg 2005
PHOENIX-Dokumentarfilmpreis 2005

Der Aufstieg und Fall eines Politikers ist stets ein spannendes Thema für einen Dokumentarfilm. Nils ist elf Jahre alt und gewählter Abgeordneter im Parlament eines sich selbst verwaltenden Sommerlagers. Die Kinder können hier "spielerisch" demokratische Prinzipien erlernen. Doch es kommt, wie es kommen muss: Mit der Zeit beginnt Nils' Position zu bröckeln - sein gesellschaftlicher Abstieg ist vorprogrammiert. Mit dem Machtwechsel im Kinderparlament, geht eine gnadenlose Neuordnung der Hierarchie unter den Kindern einher. Das Mobbing beginnt. Frauke Finsterwalder und Stephan Hilpert beschwören mit ihrer beobachtenden Kamera ein Spannungsfeld zwischen dem Geschehen auf der Leinwand und dem zur Untätigkeit gezwungenen Zuschauer herauf. Eine ebenso humorvolle wie schonungslose Studie über die Mechanismen der Macht und die nicht immer ganz so heile Kinderwelt.


Wenn man Dominik im Umgang mir seiner dreijährigen Schwester beobachtet, spürt man die Verantwortung, die auf den Schultern des Achtjährigen aus Berlin-Hellersdorf lastet. Seine allein erziehende, arbeitslose Mutter scheint mit drei Kindern hoffnungslos überfordert, so dass Dominik den Platz des Familienvaters ausfüllen muss. Viel Zeit zum Kind-Sein bleibt da nicht. Und auch die schulischen Leistungen leiden darunter. Auf die Frage, was ihm denn die Kraft gebe, jeden morgen aufzustehen, entgegnet er: "Gott." Der einzige Ort, an dem er noch ein kleiner Junge sein darf, ist das Kinder- und Jugendzentrum "Arche". Immer im Konflikt zwischen seinen Pflichten in der Familie und den eigenen kindlichen Wünschen versucht Dominik, sein Leben zu meistern. In präzisen, atmosphärischen Bildern nähert sich die Regisseurin Astrid Schult ihren aus so genannten "prekären Verhältnissen" stammenden Protagonisten ohne jeden Voyeurismus, sondern mit aufrichtiger Neugier und Einfühlungsvermögen.


Preise:
Förderpreis Kamera/Dokumentarfilm, Deutscher Kamerapreis 2007

Potzlow in Brandenburg. Im Juli 2002 wurde hier der 17-jährige Marinus von drei Jugendlichen gefoltert, zu Tode misshandelt und in einer Jauchegrube verscharrt. Matthias war Marinus’ Freund und hat später dessen Leiche ausgegraben. Seitdem ist er traumatisiert und leidet unter Depressionen. Die Schule hat er, der „Verräter“, abgebrochen und die nächsten Monate vor der Fernseher auf seinem Zimmer verbracht. Im Film von Tamara Milosevic geht es nicht um Erklärungsversuche für die Ursachen der Tat; vielmehr wird er zur Sozialstudie. Er zeigt exemplarisch eine Gesellschaft in der Bundesrepublik, geprägt von dörflicher Enge, menschlichen Defiziten, Arbeitslosigkeit und wenig Möglichkeiten, diesem Teufelskreis zu entkommen. Selbst die Familie scheitert vor der Herausforderung, einen Schutzwall gegen diese Widrigkeiten zu bilden. Matthias sei nur „verstockt“, sagt sein Vater, er ruhe sich nur auf der „schlimmen Sache“ aus. Der Vater selbst geht auf einer Gartenparty „nur im Spiel“ mit einem Metzgermesser auf einen Betrunkenen los. Wo nehmen tödliche Spiele ihren Anfang? Ungeschönt verharrt die Kamera auf dem Geschehen und fordert den Zuschauer heraus, seinen Blick nicht abzuwenden.


Preise:
Deutscher Fernsehpreis 2006 in der Kategorie Förderpreis
First Steps Award 2005
CinemaNet Europe Award DOK Leipzig 2005