Fr, 24. September, 22.30 Uhr


D 2006, 51 Minuten,

Regie, Buch, Kamera, Schnitt, Ton, Produzent: Jan Peters (mit einem Gastbeitrag von david tv)
Produktion, Vertrieb: Jan Peters Filmproduktion GbR


Einmal im Jahr reflektiert Jan Peters den Zustand und die Wendungen seines Lebens. Für die Dauer einer Super-8-Filmrolle betreibt der atemlose Selbstdarsteller auf immer neuen Bühnen eine Innenschau seiner Person. Wie das Leben selbst sind die Resultate weder in Gänze tiefsinnig noch technisch immer befriedigend – und am Ende immer fragmentarisch. Ein ebenso unterhaltsames wie virtuos komponiertes Filmtagebuch das einen jungen Filmemacher beim älter und nicht weiser werden begleitet.


Es ist wohl nicht zuletzt Hape Kerkelings medienwirksamer Vermarktungskunst zu verdanken, dass die Pilgerreise nach Santiago de Compostela Eventcharakter bekommen hat. Dennoch bleibt das wochenlange Gehen für die meisten Wallfahrer eine sehr persönliche, einsame Angelegenheit. Was treibt sie an? Welche Erwartungen knüpfen sie an den Jakobsweg? Anja Unger zeichnet Miniaturporträts von Menschen, die durch ganz unterschiedliche Ziele angespornt werden. Während sich die einen nach einfachen, klaren Emotionen sehnen, freuen sich andere darüber, ein Teil der Geschichte dieser traditionsreichen Route zu werden. Eine junge Frau wiederum möchte unterwegs „das Leben üben, in einem schönen, kleinen Rahmen“. Und wer sich überdies an der Schönheit glitzernder Steine am Wegesrand erfreuen kann, für den scheint das Glück zum Greifen nahe zu sein. Impressionen von Reisen zu sich selbst.


Er gehört zweifellos zu den wenigen noch lebenden Altmeistern des Jazz: Yusef Lateef. Der Saxofonist und Komponist war einst Weggefährte von Jazzgrößen wie Dizzy Gillespie, John Coltrane oder Charles Mingus. Heute lebt der 84-Jährige abgeschieden in den Wäldern von Massachusetts. Der Herausforderung, seine ganz persönliche künstlerische Bestimmung auszuloten und weiterzuentwickeln, stellt er sich jeden Tag aufs Neue. Denn Yusef Lateef ist ein ewig Suchender, der über sich sagt: "Was mich interessiert, ist das Unbekannte". Dabei schlägt er ganz unterschiedliche Pfade ein. Er singt, spielt (auf diversen Instrumenten), dichtet und denkt nach über das Leben und die Kunst. Den Filmemachern Nicolas Humbert und Werner Penzel war es vergönnt, Lateef auf seiner Suche ein Stück zu begleiten. In der Intimität seines Zuhauses geben sie ihm den nötigen Raum und widmen ihm die nötige Zeit, ohne je ihr eigenes Können in den Vordergrund zu spielen. Entstanden ist das feinsinnige Porträt eines kreativen Geistes.


Zwei Brüder im Stillstand der Zeit und am Nullpunkt der Kommunikation. Fritz und Heiner Zuber wohnen zusammen auf einem Bauernhof in Oberfranken. Fritz, pensionierter Polizist führt schwungvoll den Haushalt während sich Heiner trotz zunehmender körperlicher Gebrechen um den Hof kümmert. Sie haben ihr ganzes Leben miteinander verbracht, sind nie eigene Wege gegangen, doch irgendwann haben sie sich verloren – aus welchen Gründen auch immer. Unvereinbar in ihren Ansichten und dennoch aufeinander angewiesen, leben sie in beständigem Schweigen. Der Film begleitet die ungleichen Brüder behutsam und liebevoll in ihrem beharrlichen Nebeneinander.


Preise:
Special Mention beim Euganea Movie Movement
Monselice 2008

Der Essay-Film des Schweizer Filmemachers Peter Liechti beschreibt minutiös in einem langen inneren Monolog das Sterben eines Selbstmörders. Ein Mann  - er bleibt anonym – beschließt sich zurückzuziehen und in einem Wald zu verhungern. Seine mumifizierte Leiche wird im Winter in einer notdürftigen mit Planen bedeckten Laube entdeckt. Neben dem Toten findet sich ein Tagebuch, aus dem der Film zitiert. Peter Liechti versucht mit einer assoziativen Bilder- und Tonmontage die Bewusstseinsströme und Halluzinationen eines Sterbenden sichtbar zu machen und bewegt sich dabei zwischen Inszenierung und Bildern aus der Wirklichkeit. Eine Mischung aus Essay und Protokoll zum Thema Tod und Sterben.


Preise:
European Documentary Film Award 2009 Prix ARTE.

Der Eröffnungsfilm der Nonfiktionale widmet sich dem Leben und der Arbeit der 1923 in der Ukraine geborenen Übersetzerin Swetlana Geier. Als ihr Lebenswerk gilt die Neuübersetzung der fünf großen Romane Dostojewskis, genannt die „5 Elefanten“. Neben der schwierigen filmischen Aufgabe Literatur und Sprache tiefer begreifen zu wollen, die sich der Filmemacher Jendreyko stellt, schafft es der Film ein subtiles und sensibles Portrait einer eindrucksvollen Frauenfigur zu zeichnen. Swetlana Geier erlebte die Gräuel zweier Diktaturen, dabei traf sie immer wieder auf Menschen mit Zivilcourage und Mut, die sich für sie engagieren und ihr Überleben ermöglichten.  Dostojewskis Erkenntnis, dass das wichtigste Bedürfnis des Menschen sein Bedürfnis nach Freiheit ist, hat Swetlana Geier verinnerlicht und diese Erkenntnis durchdringt den Film.


Preise:
Grand Jury Award SILVERDOCS USA, Publikumspreis bester Dokumentarfilm Bozner Filmtage, Schweizer Filmpreis, Alpe Adria Cinema Preis Triest Film Festival.

Sechs Menschen, die sich vorher nicht kannten, kommen mitten in einer idyllischen Naturlandschaft, fernab der sogenannten "Zivilisation", über mehrere Jahre immer wieder zusammen. Was sie eint, ist ihr Leiden am Tourette-Syndrom, einer neuropsychiatrischen Erkrankung, die durch diverse Tics charakterisiert ist: unkontrollierte Zuckungen, Grimassenschneiden, Gebell oder das jähe Ausstoßen von Obszönitäten. Dementsprechend werden ihre Gespräche über Gott, die Welt und ihre Krankheit ständig von Flüchen oder eigenartigen Geräuschen durchbrochen. Immer wieder schlagen die Dialoge unerwartete Haken. Es gibt aber auch immer wieder Momente, in denen ihnen die Selbstkontrolle nicht entgleitet. Momente, in denen die Trennlinie zwischen „normal“ und „anormal“ unscharf wird und man sich mit einem der Protagonisten die Frage stellt: „Wo ist das Mittelmaß?“ Doch ist eine Liebeserklärung an das Andersartige in uns allen.


Roman ist Autist und spricht nicht. Über die sogenannte gestützte Kommunikation kann er sich seiner Umwelt deutlicher mitteilen. Aber auch in seinen selbstgedrehten Videos eröffnet sich dem Zuschauer ein Blick in seine Welt. Der Film begleitet Roman in seinem Alltag auf einem Bauernhof im Schweizer Jura. Romans verständnisvoller und ruhiger Ausbilder – unter anderem an der Motorsäge – heißt Xaver. Die beiden haben ein spannungsreiches Verhältnis und finden im Laufe des Films auf ihre Art langsam zueinander. Der Filmemacher Ramòn Giger beobachtet dies feinfühlig und nicht ohne Humor. Als Xaver unerwartet stirbt, wird die eigentliche Tiefe der Beziehung zwischen den beiden Protagonisten spürbar. „Eine ruhige Jacke“ ist eine filmische Einladung, sich seinem Gegenüber möglichst unvoreingenommen zu nähern.


Drei Tage nach einem scheinbar harmlosen Autounfall verliert ein 45
Jahre alter Mann für immer sein Gedächtnis: Diagnose Amnesie. Von nun an nennt er sich „New Richard“ und fängt ein neues Leben an, mit einer neuen Frau, weit weg von seiner früheren Familie. Viele Jahre begibt sich sein ältester Sohn mit einer Kamera auf die Suche nach dem Gedächtnis seines Vaters. Unterstützt von den Erinnerungen seiner großen Patchworkfamilie und alten 8mm Filmaufnahmen hinterfragt er die Krankheit des Vaters wie auch die Verdächtigungen und Gerüchte, die schon bald nach dem Gedächtnisverlust aufkamen. Denn Richard ließ nicht nur sein altes Leben hinter sich, es blieb auch das Gefühl zurück, dass da irgendwas nicht stimmt.


Preise:
Special Jury Award Joris Ivens Competition, IDFA 2008

In Glebs kleinem Frisörsalon in Hamburg-Altona gehört das Geschichtenerzählen zum Service. Die Kundschaft besteht zum großen Teil aus älteren Damen. Während Gleb Dauerwellen legt und Wimpern tönt, erzählt er unter reger Anteilnahme seiner Hörerschaft von seiner großen Filmidee: Ein unglücklicher Mann, eine einsame Frau und ein sensibler Frisör in einem Liebesdrama, das ein Happy End finden soll! Der Film im Film lässt dabei symbolhaft und humorvoll in die Innenwelten des Frisörs blicken, dessen Sehnsüchte und Gefühle sich gar nicht so sehr von denen seiner Kundschaft zu unterscheiden scheinen. Glebs Film kann zum Glück niemals verwirklicht werden – denn Dank der regen Anteilnahme von Glebs Zuhörerinnen nimmt die Geschichte täglich aufs Neue überraschende Wendungen und findet so nie ein Ende. Vielleicht ein Film gegen die Einsamkeit!


Irgendwo in Havanna findet in der Silvesternacht 2000 die Verlobung zwischen der Kubanerin Gladis und dem Deutschen Erik statt. Beide hatten sich in einer lauen Sommernacht in der kubanischen Provinz kennengelernt. Unter reger Anteilnahme der Familie empfängt Gladis den wortreichen Liebesbeweis von Erik und erklärt ihr Einverständnis, mit ihrem achtjährigen Sohn Omarito dem verlockenden Angebot nachzukommen und ein neues Leben in Deutschland zu beginnen. "Heirate Mich" ist der filmische Beweis, dass die Liebe auf dem ersten Blick genauso möglich wie unmöglich ist. Es ist ein Film über den Zusammenprall von Kulturen, über die Probleme zweier Menschen, über unterschiedliche Vorstellungen und Träume aber auch über die Chance, wieder aufeinander zuzugehen.


Preise:
Århus Film Festival 2003: Publikumspreis Bester Dokumentarfilm; Pärnu IFF Estonia 2004: Bester Kinderdokumentarfilm

Wie entsteht aus einer Idee ein Buch, aus einem Buch ein Industrieprodukt? Über fünfzehn Monate begleitet Jörg Adolph den Autor John von Düffel, während dieser schreibt, läuft, schwimmt und schreibt. Hat er sich leer gelaufen, spricht er seine Gedanken in eine kleine DV-Kamera, die zu seiner "elektronischen Klagemauer" wird. Schließlich war die Arbeit des Autors getan und das Buch entsteht noch einmal im Verlagswesen. Houwelandt ist ein Film über Arbeit und über einen Produktionsprozess. Jörg Adolph gewährt uns nicht nur einen Einblick in die Innenwelt eines Autors, sondern zeigt uns auch die kreative Außenwelt eines Romans – schließlich ist das Buch die Hauptfigur des Filmes und nicht John von Düffel.


Juliane erzählt aus ihrem Leben. Ein Leben voller Höhen und Tiefen - ganz normal eben. Bis sich Brüche auftun, feine Risse, die immer tiefer werden und regelrechte Schluchten ausbilden. Jenseits des Gewöhnlichen. Und am anderen Ende der gleichen Skala: extreme Höhenflüge, fantastische Augenblicke. Juliane hat eine bipolare Störung, sie ist manisch-depressiv. Was diese Stoffwechselkrankheit mit ihr und ihrem Leben angestellt hat, ist der Inhalt ihres tragikomischen Monologes. Bühne frei für Juliane!


Kinder der Schlafviertel

(Junge doks)

Do, 23. September, 11.00 Uhr


D 2005, 35 Minuten, OmU

Regie, Buch, Ton, Schnitt: Korinna Krauss, Janna Ji Wonders
Kamera: Tim Fehlbaum
Produzentin: Natalie Lambsdorff
Produktion: HFF München


Junge Punks am Stadtrand von Moskau, in den Plattenbauten des Kommunismus. Sie sind die verlorene Jugend zwischen Gestern und Morgen und können mit den Erwartungen der Erwachsenen nichts anfangen. Sie haben den Traum vom Musik machen und unbegrenzten Spaß bei Wodka und Bier. „Kinder der Schlafviertel sind geboren zum Saufen und Arbeiten. Kinder der Schlafviertel, der Betonhäuser und Metalltüren. Wir sind auf der Straße groß geworden und die Straßen sind unser Zuhause.“ Korinna Krauss und Janna Ji Wonders gelingt ein unverstelltes Porträt einer vergessen Jugend: kraftvoll, laut, unmittelbar und mit aller Härte jugendlicher Wut.


Kann ein Mensch die Erde verlassen und als dieselbe Person zurückkehren? Können Körper und Geist der Schwerkraft entfliehen und nach dieser Erfahrung wieder nahtlos an das Gewohnte anknüpfen? Oder muss sich ein Mensch, der so etwas unternimmt, schon vor Beginn der Reise in verschiedenen Sphären heimisch fühlen? So wie der Astronaut Story Musgrave. Er hatte bereits vor seinen sechs Raumflügen zahlreiche Transformationen durchlebt, das beständige Verändertwerden als seine Lebensart angenommen. Als Kind ließ sich Story Musgrave im Wald verzaubern, später setzte er alles daran, ins All zu reisen. Mit ihrem Film kreiert Dana Ranga einen vieldimensionalen Raum, der diesem Wandler zwischen den Außen- und Innenwelten entspricht. Eingekapselt und um die eigenen Erinnerungen und Gedanken kreisend, reflektiert Story Musgrave über das eigene Ich- und Menschsein.


Preise:
Preis der Jugendjury, Leipzig 2003; Lobende Erwähnung, Marseille 2003; Gold Remi Award, Houston 2004

Es ist wohl ein alter Jungentraum, den vor allem erwachsene Jungs träumen: raus in die Wildnis und Feuer machen. Fernab der Zivilisation herausfinden, was wichtig ist im Leben – nämlich eine "warme Hütte mit Freunden". Greg, ein junger Mann aus Baltimore, träumt diesen Traum. Der schmale Gang zwischen der Küche und dem Gastraum des Restaurants, in dem er als Kellner arbeitet, wird ihm irgendwann zu eng. Genauso wie die Stadt, in der ihn die Erinnerung an den Selbstmord eines Freundes nicht loslässt. Er sagt Lebewohl und macht sich auf den Weg. Irgendwo in der tiefverschneiten Weite Kanadas hofft er, zu sich selbst zu finden und die Vergangenheit abzustreifen. Doch vielleicht ist in Wirklichkeit auch alles ganz anders: Denn die Tonebene, die Greg Paulson für eigene Assoziationen, Interpretationen und Kommentare nutzt, wurde ist erst im Nachhinein über die Bilder gelegt. Handelt es sich also nur um die Inszenierung eines Lebenstraums? Doch wo, wenn nicht im Traum, darf man sich selbst erfinden?


Winterkinder - die schweigende Generation

(Junge doks)

Fr, 24. September, 11.00 Uhr


D 2005, 96 Minuten,

Buch, Regie, Montage: Jens Schanze
Kamera: Börres Weiffenbach
Ton: Mauricio Wells, Mario Köhler
Dolmetscher: Adam Lukaszewicz
Herstellungsleitung: Kristina Strohm
Herstellungsleitung HFF: Natalie Lambsdorff
Redaktion: Benigna von Keyserlingk (BR), Margrit Schreiber (ZDF / 3sat)
Musik: Erik Satie, Gnossienne Nr. 1
Produzent: Jens Schanze


War Großvater ein Nazi? Diese Frage stellt Jens Schanze seiner Mutter. Denn nach jahrzehntelangem Schweigen tauchen in der Familie plötzlich Informationen über den Großvater auf, die nicht zu dem liebevollen Bild passen wollen, das die Mutter in ihren Erzählungen immer vermittelt hat. Jens Schanze und seine vier älteren Schwestern haben den Großvater, der 1954 verstarb, nie kennen gelernt. Als die Mutter sich entschließt, die kritische Beschäftigung mit ihrem Vater zuzulassen, wird offenbar, dass unter der Oberfläche der täglichen Normalität seit über 60 Jahren ein bisher unbearbeitetes Trauma schlummert. Alle Beteiligten durchleben im nun beginnenden Prozess eine aufwühlende und höchst emotionale Reise.


Preise:
Großer Preis der Jury - Festival du Film Belfort 2005; Beste Regie - One World Human Rights Film Festival, Prag 2006; Lobende Erwähnung - Festival International de Films, Montreal 2005