2024
16. Nonfiktionale: ÜBER:MORGEN

In aller Regel sind Dokumentarfilme Seismographen der Gegenwart, bilden das Hier und Jetzt ab. Oder sie holen Vergangenes hervor und deuten das, was ist, retrospektiv. Was aber, wenn der Blick sich in Richtung Zukunft richtet? Wenn Visionen, Utopien oder Dystopien in den Fokus rücken? Wenn im Heute bereits das Morgen sichtbar wird?
Just in Zeiten fundamentaler Umbrüche ist das allgemeine Vertrauen, dass die Welt so bleiben wird, wie sie ist, weitgehend zerrieben. Und so stellt sich umso drängender die Frage: Was kommt? Mit unserem Motto „Über:Morgen“ suchen wir Dokumentarfilme, die einen Blick in die Zukunft wagen – im Großen wie im Kleinen.
Wie lässt sich das mit den Mitteln des Dokumentarischen abbilden? Welche Bilder findet man für etwas, was noch nicht ist? Und wie wird das dokumentarische Arbeiten durch Zukunftstechnologien erweitert? Die Nonfiktionale 2024 spannt einen Bogen von vergangenen, längst überholten Zukunftsphantasien bis hin zu aktuellen Träumen oder Alpträumen einer kommenden Zeit.
Filmprogramm 2024
Preisträgerfilme
Im Rahmen der Preisverleihung 2024 vergab unsere Jury, bestehend aus Susanne Mi-Son Quester, Dietmar Kraus und Gereon Wetzel folgende Preise:
Nonfiktionale-Preis der Stadt Bad Aibling
Der mit 2.000 Euro dotierte Nonfiktionale-Preis der Stadt Bad Aibling ging an:
Provisorium
von Markus Lenz
Begründung der Jury:
In der grünen Hölle des Urwalds fährt eine Planierraupe langsam auf die Kamera zu. Trümmer eines zerstörten Lagers. Es beginnt zu regnen. In einem stetigen Sog führt uns der Film hinter die Kulissen eines fragilen Friedens, dessen Bedingungen sich ständig ändern und der zu scheitern droht. Über fünf Jahre hat Markus Lenz zwei ehemalige Guerilla-Kämpferinnen in Kolumbien begleitet, die nach dem Friedensvertrag der FARC einen Neuanfang als Bürgerinnen einer gespaltenen Gesellschaft versuchen. Mit beeindruckendem Mut und Beharrlichkeit gelingt es dem Regisseur und Kameramann, eine verborgene Welt zu erschließen, das Vertrauen seiner Protagonistinnen zu gewinnen und uns einen weit entfernten, komplexen Konflikt nahezubringen. Ein Prozess der Transformation und ein Film in ständiger Gefahr — zwischen Scheitern und Hoffnung.
Dedo-Weigert-Film-Kamerapreis
Der von Dedo-Weigert-Film gestiftete Sachpreis in Form einer Fellonie-LED-Flächenleuchte, samt Zubehör ging an
Felix Maria Bühler
für Bis hierhin und wie weiter?
Begründung der Jury:
Es ist „Direct Cinema“ im besten Sinne: Die Kunst der teilnehmenden Beobachtung. Felix Maria Bühler baut ein spürbares Vertrauen zu seinen Protagonist*innen auf. Seine Kamera wird zum Seismographen ihrer Wut, Angst und Entschlossenheit; löst ihre Diskussionen und Gespräche dialogisch auf; begleitet sie hautnah durch eine vielschichtige Topografie von Konfrontationen. Es gelingt ihm eindrucksvoll, Ruhe und Konzentration in chaotischen und gefährlichen Situationen zu bewahren, und eine produktive Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden. Seine präzisen und unprätentiösen Bilder fügen sich organisch in der Montage von Lena Köhler zusammen, deren Leistung wir ebenfalls besonders hervorheben möchten.
Bürgerpreis
Auch der mit 500 Euro dotierte Bürgerpreis wurde von der Schülerjury betehend aus Nina Baumgartner, Michael Promberger und Nadia Rust verliehen an den Film
Bis hierhin und wie weiter?
von Felix Maria Bühler
Begründung der Jury:
„Aufgeben ist keine Option.“ Junge Menschen sind bereit, auf die eigene Zukunft zu verzichten, um unser aller Zukunft zu sichern. Ihre Motivation, die sich in langen Diskussionen manifestiert, macht ihr Handeln und ihre Existenzangst für das Publikum nachvollziehbar. Der Regisseur wird zeitweise Teil einer eingeschworenen Gemeinschaft und hat dabei keine Angst vor Subjektivität. Trotzdem reduziert er seine Protagonist*innen nicht auf den Aktivismus, sondern zeigt auch ein Leben drum herum. Der Film „Bis hierhin und wie weiter?“ beeindruckt auch durch seine Bildgewalt und holt den Zuschauer mit großem Mut mitten ins Geschehen.
Wir gratulieren den Preisträgerinnen und Preisträgern ganz herzlich!!
Jury 2024

Dietmar Kraus
in Bayern geboren, wuchs in Südafrika auf. Er studierte Montage an der Filmhochschule in Babelsberg und arbeitet seitdem als Editor überwiegend fürs Kino, sowohl an Spiel- als auch Dokumentarfilmen. Er war Gastprofessor in Babelsberg und Dozent in Myanmar und Ruanda. Seit 2016 gehört er zum Vorstand des Bundesverband Filmschnitt Editor e.V. (BFS). Seit 2017 ist er Kurator beim Filmfestival „Edimotion“ in Köln. Er moderiert außerdem beim Filmkunstfest MV in Schwerin, den Nordischen Filmtagen in Lübeck und dem Max Ophüls Preis in Saarbrücken.

Susanne Mi-Son Quester
studierte nach einer Ausbildung zur Cellistin zuerst Japanologie und Kulturwissenschaft in Berlin, dann Dokumentarfilmregie an der HFF München und an der Korean National University of Arts in Seoul. Seit 2006 ist sie als Autorin, Regisseurin und Filmproduzentin tätig. Ihre Arbeiten liefen in Rundfunk, Fernsehen und Kino und wurden erfolgreich auf Festivals gezeigt. Zusammen mit Mieko Azuma führt sie die Produktionsfirma Mandarinenfilm. Neben ihrer Tätigkeit als Filmemacherin unterrichtet Susanne Dokumentar- und Experimentalfilm und leitet mit großer Begeisterung Filmworkshops für Kinder und Jugendliche.

Gereon Wetzel
wurde 1972 in Bonn geboren. Nach einem Studium der Archäologie in Heidelberg mit Abschluss M.A, schloss er von 2000 bis 2006 ein Dokumentarfilmstudium an der HFF München an. Seit 2008 ist er einer der Betreiber des DVD-Labels und Streamingportals DocCollection. Seine Dokumentarfilme, bei denen er häufig auch für Kamera und Schnitt verantwortlich zeichnete, liefen auf zahlreichen internationalen Festivals und wurden vielfach ausgezeichnet. Wetzel lebt und arbeitet als freier Filmemacher, Autor und Dozent in Eichstätt/Bayern.
Nonfiktionale meets Bergwerk 2023
AI Remember
Ein KI-Projekt von Fangli Lu, Ardit Mazreku, Erdem Turgut
Die Ausstellung AI REMEMBER, entstanden in Zusammenarbeit von Studierenden der LMU München und dem Lehrstuhl KI der HFF München, wirft einen Blick in eine (mögliche) Zukunft: Was wird aus den Orten unserer Kindheit? Welche Auswirkungen wird der Klimawandel auf sie haben? Wie transformieren Erinnerungen und Emotionen das Bild, das wir uns von ihnen machen? Mithilfe von Augmented Reality und künstlicher Intelligenz werden festgehaltene Momente verändert und verfremdet. AI REMEMBER zeigt dabei beide Wege: Utopien und Dystopien.

zu Gast bei der Nonfiktionale
Auf unserem Carte Blanche Programmplatz wurde in diesem Jahr ein Film gezeigt, den das dokKa - Dokumentarfestival Karlsruhe für uns ausgewählt hat. Wir haben uns sehr gefreut den Festivalleiter Nils Menrad bei uns zu Gast gehabt zu haben.